Ein wenig (mehr) Leben…

„Das Buch musst du lesen“, sagt sie und zeigt auf einen breites Buch im Regal..Ein fataler Ratschlag..

Denn wir beide wissen nicht, was es in mir auslösen wird..Wie sehr es mich konsumiert, aufwühlt, verstört hinterlässt..Dass ich deswegen tagelang kaum einen Bissen runterkriege, nach manchen Kapiteln das Buch weglegen und erst einmal spazieren gehen muss, um meine körperliche Anspannung in den Griff zu kriegen.. 

Sie hat mir damals nicht erzählt, um was genau es in dem Buch geht..Sie hat nur darauf bestanden, dass ich es lese..Am Rande habe ich beim Überfliegen der Feuilletons verschiedener Zeitungen und Facebook-Überschriften dann mitbekommen, dass es ein krasses Buch sein soll, angeblich erschütternd wie kein anderes..Doch ich lasse mich nicht auf solche Superlative ein, die gibt es doch ständig, denke ich.. 

Dann fange ich an zu lesen und darin zu verschwinden..Nicht in die Dynamik der Geschichte, nicht in die Dreidimensionalität der Charaktere, sondern in den Sog der rohen, expliziten Gewalt, des Missbrauchs, der Selbstverletzung und des Selbsthasses..Als ich das Buch zuklappe, die letzte Seite ausgelesen, fühle ich mich leer und müde..Ich spüre diesen Knoten in der Brust, der auch noch bleibt, als ich Stunden später wieder meinem gewohnten Alltag nachgehe..Ich bin immer noch im Buch, immer noch in diesem Sog..Ich verstehe anfangs nicht, warum..

Doch dann spüre ich, wie sich die Antwort ihren Weg bahnt und genauso bitter schmeckt, wie wenn sich der Geschmack von Galle im Mund breit macht..Während für sie dieses Buch nur Fiktion war, ist es für mich Realität..Es gibt diesen Hauptcharakter, Jude St. Francis, und ich kenne ihn..Seine Geschichte ist nicht erfunden, es gibt sie..Nur in meiner Realität besteht er aus einer Person: Mir… 

Sie konnte nicht wissen, dass ich ähnlich aufgewachsen bin wie in diesem Buch..Ich habe ihr nie davon erzählt, weil ich selbst nicht weiß, wie ich damit umgehen soll..Damit, dass ich so lange geschlagen wurde, bis ich ohnmächtig zusammenklappte und von den Menschen missbraucht wurde, die sie lieben und beschützen sollten.. 

Zuhause haben wir früher darüber geredet, mal mehr, mal weniger, mal detaillierter, mal nicht..Je älter ich wurde, desto mehr klammerte ich diese Erinnerungen aus, ich versuchte es..Wenn ich es nicht tat, dann wurden ihre Erinnerungen zu meinen und ich konnte sie nicht so sehen, wie ich sie sehen wollte, wie sie zu sein hatten: stark und erwachsen.. Stattdessen sah ich nur meine geschundene Kinderseele und fühlte, wie sich eine Taubheit in mir ausbreitete, die mich nicht mehr atmen lies..Ich habe es über 700 Seiten lang gelesen, mit jedem Gedanken des Protagonisten..Die Lücken, die ich bisher hatte, scheinen sich zu füllen..Ich frage mich, ob ich mir ständig sagte, dass nicht ich es sei, der das alles passierte und in Gedanken aus meinem Körper trat..Ich frage mich, ob ich mich in der Jugend so viel prügelte und verletzte, um den Schmerz zu externalisieren und sich endlich zu spüren..

Mit jeder Seite werden mir Erinnerungen und Gefühle entgegen geschleudert, so explizit, dass es mir den Atem verschlägt..Ich kann mit jeder Seite weniger an die Fiktion als an die Realität denken..Ich beweine nicht den Protagonisten, sondern mich und alle anderen, die ich nicht kenne, aber weiß, dass es sie gibt..Ich schäle mich aus meiner Rolle als Frau und sehe meine Verletzlichkeit..Ich sehe das unschuldige und gleichzeitig seiner Unschuld beraubte Kind..

Selbst als bereits einige Tage vergangen sind, seitdem ich das Buch durchgelesen habe, muss ich ständig daran denken..Weil mir das Buch einen Gedanken eingepflanzt hat, den ich nicht jäten kann..Ich kann nich aufhören mich zu fragen, ob sich mir damals nicht nur Risse in meinem Fundament zugezogen habe, sondern in meinem Inneren, mein Innerstes, kaputt gegangen ist, damals vor mehr als dreißig Jahren..Und ob ich dies immer ein bisschen von den anderen zu trennen scheine und trennen werde, so als ob ich alles immer durch eine milchige Scheibe wahrnehmen würde..Weil ich nie ganz da bin, sondern ein Teil von mir immer bei den Dämonen meiner Vergangenheit geblieben ist..

Und das Buch..Ich hab´s weg geschmissen…

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3 Kommentare zu „Ein wenig (mehr) Leben…

  1. Ich habe das Buch gelesen und es hat mich tief in diesen Abgrund gezogen. Ein Meisterwerk! Ich kann gut verstehen, was es aber mit dir gemacht hat. Nein, ich muss es anders formulieren, ich werde diese koerperliche und seelische Gewalt, was man Menschen antun kann, Niemals verstehen! LG Tete

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  2. Mich hat es immer getröstet, wenn ich in Büchern Geschichten gelesen habe, die ich selbst kannte oder durchgemacht hatte. Es war so etwas wie Solidarität oder die Erleichterung, dass ich nicht die Einzige war. Vielleicht könnte es Dir eine kleine Hoffnung geben. Es gibt nicht nur die, die vor solchen Erlebnissen verschont blieben. Auch wenn wir zu ihnen nie gehören werden, gibt es die, die unsere Erfahrungen teilen. Sonst würden schließlich nicht solche Bücher geschrieben.

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